Saisonstart: 19.10.2026

Auferstanden aus Ruinen...

Auferstanden aus Ruinen...

27.07.2003 karstenmitk
"Im Osten wird noch richtig gerackert und gekämpft. Der Sozialismus hat dem Fußball in Ostdeutschland jene Kameradschaft hinterlassen, die uns in der Ellbogengesellschaft Bundesliga, umgeben von Mauern der Marktwirtschaft und des Kapitalismus, bereits vor Jahrzehnten verloren gegangen ist." (Dr. phil. Oliver Neumann, Humboldt-Universität Berlin)



"Wacht auf, Verdammte dieser Erde!" So hallt es durch die Flure einer Sportschule nahe Görlitz, in der sich die Mannschaft von Energie Cottbus - der Stolz Brandenburgs - zwecks der Abhaltung eines Trainingslagers befindet. Gemeint sind die sich aus der Arbeiterklasse rekrutierenden Energie-Kicker, die Übungsleiter Michael Autrum mit den einleitenden Worten der "Internationale" tagein, tagaus an ihre Pflicht erinnert, gegen soziale Unterdrückung durch den Kapitalimus des Westens anzukämpfen.

"Wacht auf, Verdammte dieser Erde!" hallt es auch durch die Jugendherberge Wannsee in Berlin. Diesmal von Oliver Esklavon, hauptverantwortlicher sportlicher Leiter beim 1. FC Union. Als verdammt sieht er seine Spieler allerdings weniger ob ihrer Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Klasse an, als vielmehr aufgrund der brutalen Härte des Trainings, in dem er seine Spieler rennen lässt wie Pferde, kämpfen wie Stiere, schwitzen wie Eisbären in der Sahara und daraus resultierend stinken wie Fischotter. Klar, wird der eine oder die andere jetzt denken. Von weiter im Westen als der Aachener Esklavon kann ein Deutscher nunmal nicht kommen, daher auch seine eher sado-masochistisch-humorige Interpretation des Arbeiterbewegungs-Evergreens.

Autrum gegen Esklavon. Der eine, der zu Cottbus gehört wie sonst nichts (denn in Cottbus gibt es nichts außer Fußball), der der Mannschaft als ihr väterlicher Freund nach schwierigem Saisonstart Stabilität und Herz gegeben hat, gegen den anderen, den Weltenbummler, den harten Hund, den Tabellenführer. Esklavon hat es allen gezeigt. 24 Punte aus acht Spielen, weißer kann die Weste nicht sein. Autrum auf der anderen Seite will mit hartem Kampf den Spitzenreiter vom Thron stoßen.

So sehr die beiden Trainer nicht unterschiedlicher sein könnten, so ähnlicher konnten die Schicksale beider Vereine zu Zeiten der deutschen Teilung nicht sein. Jauchzt sein Chef den morgendlichen Weckruf in die Kojen der Spieler, summt Unions Zeugwart Detlef Schneeweiß nicht selten ein leises "Mielke ist ein H********, die Dr*cks**" vor sich hin. War es doch der Stasi-Chef höchstselbst, der den besten Kickern der Köpenicker Talentschmiede einen Wechsel zu seinem Sowas-wie-Berlusconis-AC-Milan-gab-es-doch-auch-früher-schon-Klub und Serienmeister BFC Dynamo "nahelegte". Auch deswegen kam der 1. FC Union zu DDR-Zeiten nie so recht in Tritt. Gleiches galt für den FC Energie Cottbus. Beide Teams wurden mehr oder minder zu Fahrstuhlmannschaften zwischen der DDR-Oberliga und der ersten Liga, die eigentlich die Zweite war. Legendär das Jahr 1975: Beide Teams hatten die Aufstiegsrunde erreicht, doch Energie legte einen mustergültigen Fehlstart hin. Bis - ja BIS zum 21. Juni des Jahres. 5:1 lautete das Ergebnis an der Alten Försterei, und nach DDR-Starreporter Heinz-Florian Oertel feierte "Union sein Begräbnis vor der eigenen Haustür." Am Ende hieß einer der vier Aufsteiger Energie Cottbus, Union wurde nur Fünfter. In 29 Jahren ist Union hierfür keine Revanche gelungen, denn um große Erfolge ging es bei beiden Vereinen seither nie mehr wirklich.

Einzig ungebrochen ist die Liebe der Fans zu ihren Mannschaften, und die Unioner werden alles daran setzen, wenigstens eine kleine Revanche zu üben, indem sie ihre überraschende Vormachtstellung in der Regionalliga Nord zu festigen versuchen, um gleichzeitig den alten Rivalen im grauen Mittelmaß zu versenken. Dieser indes bemüht sich auf dem Transfermarkt immer wieder um punktuelle Verstärkungen und bietet bislang eine solide Saisonleistung.

"Das wird ne ganz klare Sache für Union werden. Cottbus wird vielleicht an Unions Erfolg kratzen, ihn aber nie richtig gefährden können," ist sich der Kieler Trainer Kollege David Scheidl sicher. Kollege Andreas Geiser aus der schwäbischen Landeshauptstadt Hannover schließt sich an: "Ich denke, dass Union Berlin zur Zeit das Maß aller Dinge in der Liga ist. Ich glaube, dass Michael Autrum mit Cottbus einiges dagegen setzen kann. Ich tippe aber dennoch auf Grund der derzeitigen Situation auf einen klaren Sieg von Berlin." Beide sind sich zusammen mit vielen anderen einig, dass Union zumindest ein bisschen Revanche wird nehmen können für das verhängnisvolle 1:5 im Jahre 1975.

In Anlehnung an alte DDR-Traditionen durften in Ostdeutschland ansässige Menschen natürlich nicht das Maul aufmachen und wurden deswegen auch nicht zu dem Spiel befragt. Fest steht aber, dass dieses Spiel Neufünfland für neunzig Minuten erschüttern wird, dass neunzig Minuten lang in bester sozialistischer Manier geackert werden wird, und dass nach neunzig Minuten alle Zuschauer sich einen kapitalistischen BigMac reinpfeifen werden, um sich anschließend zu Hause auf dem dritten Programm des klassenfeindlichen Rundfunks die Highlights der Partie bunt, in Farbe und in Zeitlupe anzusehen.
Kommentare (4)
ein mega starker bericht karsten...sehr sehr fein, und auch ich, muss gestehen, dass oli wohl als zufriedener sieger vom platz stammeln wird ;o)
audistar · 04.08.2003 12:07 Uhr
Schöner Bericht Karsten,hab dir ja schon im ICQ versucht zu erklären wie ich finde ^^
Florixx · 04.08.2003 12:58 Uhr
ach was...ich bin doch kein harter hund, geschweige denn ein schinderhannes. moment, entschuldigen sie mich für einen augenblick...was hast du gesagt...es ist dir zu heiss...pass ja auf jiri, sonst schick ich dich zurück in die taiga. und jetzt weiter ihr schlappsäcke...10 dutzend liegestuetze ohne sonnencreme. so, da bin ich wieder, musste kurz eben den trainingsplan für das topspiel mit meinen freunden, den spielern, abstimmen. sie muessen wissen, das wir immer gemeinsam morgens den trainingsplan für den tag ausarbeiten. noch einen schoenen tag wünsche ich p.s.:da heute zu ihrem verein, herr autrum, drei neue, überaus qualifizierte, spieler hinzustossen werden, gehe ich von einem engen spiel aus.
honcho · 04.08.2003 13:07 Uhr
Ich rechne auch mit einem sehr knappen Spiel, in dem nur der Glücklichere siegen kann.
Someg · 04.08.2003 13:11 Uhr
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